einfach nur müde, erschöpft und kraftlos
Unabhängig voneinander haben meine Eltern ein Sterbebegleiterseminar gemacht. Meine Mutter gab mir am Freitag folgenden Text.

Bereits seid Samstag sind wir am Wohnung auflösen. Freitag Abend setzten wir uns sehr gemütlich im Garten bei Antipasti zusammen und erzählten, plauderten und fühlten uns nicht alleine.
Die Kleidung in Mülltüten zu stopfen war noch eine der leichteren 2Übungen". Ein paar der Dinge haben wir uns dennoch bewahrt. Je persönlicher die bereiche werden, desto schwerer ist es und umso mehr Zeit nehmen wir uns.
Fotos brauchen ganz viel Zeit und werden irgendwann bei diversen Gläsern Wein aussortiert. Die Bootsmanpfeife aus Marinezeiten, der Degen, Eine Urkunde. Überall hängen Geschichten und Geschichten dran, die wir beim Ausmisten erzählen, oder einfach mal tief seufzen. Briefe werden zerrissen. Sie gehen uns nichts an. Die Möbel werden teils verkauft, teils einem guten Zweck zugeführt, oder doch von uns genommen.
Und überall die persönliche Handschrift von Papa. Seine ganzen Provisorien. Ob das einfach nur durch eine Kriegsgeneration kommt, weiß ich nicht. für uns ist es schlicht Papa. Schmunzeln müssen wir auch über jedes gefundenen Lavendelbeutelchen.
Die Beerdigung ist Freitag mittag und wenn wir uns nicht treffen so telefonieren T. und ich ständig um uns auszutauschen und so langsam die lange Liste "abzuarbeiten".
Gestern das Gespräch für Zeitungsanzeige und Beerdigung, morgen das Gespräch mit dem Pfarrer. Langsam, ganz langsam kommt das Zeitgefühl zurück.
Er: Ich finde es irgendwie total schön, dass deine Zahnbürste in meinem Bad liegt.
Er: Was machst du morgen Abend?
Ich: Mich an deinen Arm kuscheln und dich fragen, wie dein Tag war?!
...geschahen in dieser Nacht Dinge, die schwer zu beschreiben sind. Auch sind sie wohl zu persönlich, um hier aufgeschrieben zu werden. Egal, ob man an etwas glaubt oder nicht, das Erlebte war überwältigend.
Wir haben Begegnungen miterleben können, Verabschiedungen und das letztes Abendmal, was unglaublich tröstend war. Dass, was vorher sich zwischen unserem Papa und uns aufgebaut hatte, machte möglich ihn so zu begleiten, wie wir es die letzten 3 Tage und Nächte gemacht haben.
Er gab uns selbst zum Schluß noch zu verstehen, dass er für uns da ist, gab uns Kraft seinen Körper sterben zu sehen. Und er mutete uns nur genau soviel zu, wie wir tragen und aushalten konnten.
Um 3 Uhr heute Nacht hat er seinen Körper ruhen lassen.
Ich bin traurig, aber auch dankbar, für das was wir zusammen erlebt haben. Daher verabschiedete ich mich auch leise mit einem "Danke" von ihm.
Die Wochentage und die Tageszeiten gleiten dahin und sind unwichtig. Es tut gut bei Papa zu sein. Er braucht unsere Nähe. Manchmal mit ein paar Fragen, Hilfestellungen, meist aber nur DAsein. Ich bin an dem Punkt angelangt, sagen zu können, dass ich froh bin, ihn gehen zu lassen.
Es ist kein "Überraschender" Tod, sondern ein wirklich bewußtes Begleiten und T. und ich wechseln uns rund um die Uhr ab, die "Übergangszeiten" nutzen wir für viele Gespräche.
Die Unterstützung durch unsere Partner, Freunde und das Palliativteam ist unvergleichbar gut.
Der von Papa sehr bewußt ausgewählte Pfarrer konnte ihm tatsächlich noch das Abendmal geben. Wir waren dabei und es wird kein nochmaliges derartiges Abendmahl geben. Es war speziell für Papa. Der Pfarrer ging absolut persönlich auf die Wünsche von Paps ein und dieser klarte für 45 Minuten auf, wie seit Tagen am Stück nicht mehr.
Es war ergreifend und tröstend gleichermaßen.
In der Hollywoodvariante sterben die Menschen dann, wenn sie bereit dazu sind. Real ist das anders.
F. hatte heute Nacht seine ganz eigene persönliche Begegnung mit Papa und ich bin sprachlos, über die Größe, die er bei seiner Unterstützung mir gegenüber zeigt. Das ist in keinsterweise selbstverständlich und hilft mir ungemein.
Es entstehen Situationen , die so kurios, Surreal sind. Aber die dennoch schön sind, gut tun, trösten und das Sterben nicht Abseits vom restlichen Leben stellen.