Samstag, 8. April 2006

Meine erste Geburt

Eine Geburt war, ist und bleibt wohl immer irgendwie etwas besonderes. Im Rettungsdienst wird sie - oder wurde zumindest zu meinen Zeiten - mit gemischten Gefühlen betrachtet. Einerseits weiß der Rettungsdienstler, dass der Einsatz nicht durch eine Krankheit oder ein Unfall herrührt. Also etwas natürliches ist, was seit Jahrtausend von Jahren mit und ohne Hilfe von statten geht. Im Ausbildungsplan ist das Thema Schwangerschaft, Geburt und Komplikationen aufgeführt, aber Routine bekommt man ausserhalb des Krankenhauses wohl nicht.

Das Material aus dem Babynotfallkoffer kannte ich als eine 3te Person auf dem Rettungswagen vom Checken vor Schichtbeginn so einigermaßen. Nabelklemme, Tupfer, Vorlagen, etc sind von der Theorie her schon ein Begriff. Doch der Einblick in die intimisten Stellen eine Frau, bei einer Geburt, sind ungewohnt und mit Angst behafftet. Ich war Schülerin der 10 Klasse keine Hebamme!

So war auch die Einsatzmeldung "Beginnende Geburt" bei mir immer mit gemischten Gefühlen behafftet. Dabei zu helfen eine Frau mit Wehen ins Krankenhaus zu bringen ist etwas schönes.Und doch zittert man ein wenig, ob man es auch rechtzeitig ins Ziel schafft.

Ich fuhr eine Woche in den Ferien auf der Rettungswache in Bad Schwalbach. Nur sehr selten fährt man in den Ort H. Wir dagegen fuhren in der Woche zu 3 Einsätzen nach H. H. Ist nicht direkt am Arsch der Welt, aber zumindest recht nah dran.

Beim Eintreffen in der Wohnung im dritten Stock warf ich einen kurzen Blick auf zwei schlafenden Kinder in ihren Betten. Die Mutter mit dicken Bauch hatte wohl schon mehrere Kinder zur Welt gebracht und verstand nur Bröckchenweise Deutsch. Ob das Fruchtwasser schon abgegangen wäre, fragte mein Kollege S. Ob sie die die Frage verstand weiß ich nicht, aber die schüttelte den Kopf. Hinsetzen wolle sie sich nicht mehr. Und so maß ich das einzige Mal in meiner Dienstzeit des Blutdruck eines Patienten im Stehen. Und noch während des Messens platschte die Flüssigkeit auf den Boden. Dann müßten wir uns nun ein wenig sputen, kommentierte S. und rief bei der Leitstelle an um ein Krankenhaus abzuklären. Der andere Kollege und ich sollten den Stuhl zum Transport nach oben holen. Die werdende Mutter verzog sich derweil Richtung Toilette.

Der zweite Kollege und ich gingen zügigen Schrittes durch das knarrzende Treppenhaus nach unten. Plötzlich vernahm ich ein Kinderschreien und hielt inne. "Du, M., das ist nicht das Kindergeschrei eines der schlafenden Kinder. Das klingt jünger, viel jünger." Die Augen weiteten sich bei uns, es ratterte kurz in unseren Köpfen. "Scheiße, das Baby ist da!"

M. würde einen Notarzt nachalamieren, ich solle mit dem Babynotfallkoffer nach oben düsen. Den Stuhl würden wir nun erst mal nicht brauchen.
Leicht außer Atem kam ich wieder in der 3ten Etage an und folgte den Wortfetzen meines Kollegen in der Toielette.
Die Frau hatte wohl einen Druck verspürt, diesen falsch interpretiert und instiktiv nach Murphys Gesezten den kleinesten Raum der Wohnung anvisiert. Die Gästetoilette. Dort war innerhalb von weniger als 5 Minuten das Kind gekommen und ich wußte nun, was eine Sturzgeburt war.

Das Bad war für 3 Personen zu klein. Auch ging die Tür wohl nach innen auf, sodass ich nicht sah, was drinnen vor sich ging. S gab mir Anweisungen, was sich ihm zu reichen hätte. Ich öffnete den Babynotfallkoffer, sah hinein und bereute so selten zuvor hineingeschaut zu haben. Hilflos rupfte ich abwechselnd mit der rechten und linken Hand die Gegenstände in die Höhe, auf der Suche nach dem Erforderten. Ich reichte die jeweiligen Materialien nach drinnen. Meine Handschuhe liefen mit Adrenalingetränktem Schweiß voll.Wie lange das so ging weiß ich nicht. Bei unbekannten Einsätzen bekommt man einen Tunnelblick. Registriert nur noch die wichtigen Dinge. Zeit und Dinge, die um einen her passieren werden ausgeblendet. Es schien endlos zu dauern bis M. nach dem Funkspruch wieder nach oben kam.
Irgendwann stand da der Vater und bekam den kleinen Wurm gut eingepackt in den Arm gelegt.

Die Ärztin kam und lobte unsere Arbeit. Sie müsse ja gar nichts mehr machen. Gute Arbeit. Und das galt vorrangig S. Aber auch ein kleines bisschen mir.
Ich ging mit dem Auftrag eine Nierenschale für die Nachgeburt zu holen nach unten in den Rettungswagen und erklomm wieder die Stufen nach oben.

Noch nie zuvor hatte ich eine Nachgeburt gesehn und nun lag sie vor mir auf dem Teppich. Wie ein verletztes Tier hob ich den Leberartigen Klumpen mit zu schalengeformten Händen auf und lies ihn die die Pappschale gleiten. Mit einem sterilen Tuch bedeckt brachte ich die Schale hinunter in die Rettungswagen. Dann folgten die Koffer, Sauerstoff und EKG. Auf den Weg nach oben nahmen wir endlich den Stuhl mit, bereiteten die Trage vor. M. Und S. trugen die Mutter nach unten.
Im Rettungswagen war die Mutter müde und kaputt und dämmerte vor sich hin. Einer der Kollegen reichte mir unerwartet das kleine Bündel in den Arm und ich begann zu kapieren.
Die Fahrt ins Krankenhaus war ruhig. Der Säugling und die Mutter ruhten sich aus und sammelten Kräfte und wir verstanden jetzt erst das Wunder was Geschehen war.
Nur wenige Einsätze zuvor, am gleichen Tag, hatten wir eine erfolglose Reanimation. Hier war eine neues Leben geboren worden. Der Kreislauf des Lebens war fühlbar geworden. Ein neuer Erdenbürger lag winzig und nur wenige Minuten alt in meinem Arm.


Anschließend reflektierten wir den Einsatz, sprachen über das, was passiert war. So schnell hatte es uns überrannt. Sowohl für M. und mich war es die erste Geburt. S. Hatte im Krankenhaus während der Ausbildung zum Rettungsssanitäter schon einige Geburten erlebt. Doch hier wäre es doch was anderes gewesen. Wir erinnerten und an den Stoffteddybären, der zum Trösten verletzter Kinder im Rettungswagen lag. Wir fuhren noch mal ins Krankenhaus zurück und überbrachten in der Krankenschwester. Die Mutter lag längst im tiefen Schlaf und erholte sich.

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